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  • Claudia Brunner

„Ich hasse mein Leben!“ – MS und die Psyche


Es gibt Tage, an denen ist mir einfach alles zu viel. Die Tränen fließen in Strömen, ich bin einfach müde, ich verabscheue meinen Mann, es ist einfach alles ungerecht. Jeder ist gemein zu mir, niemand versteht mich. Ich bin ein totaler Versager! Egal was ich tue es ist in meinen Augen und in derer, die mich spiegeln, einfach nur falsch. Alles was ich mache führt zu nichts, ich liege meinem Mann auf der Tasche, ich liege der Krankenkasse auf der Tasche, ich liege dem Staat auf der Tasche.


Was bin ich schon? Ein heulender Haufen Selbstmitleid. Was kann ich überhaupt? Scheinbar gar nichts!


Es fallen Sätze wie „Mach dir einen langfristigen Plan! Entscheide dich wo du hinwillst. Finde etwas, was du langfristig tun kannst.“. Ich höre „Du hast in allem versagt! Du sitzt auf deinem hohen Ross deiner Promotion und bist dir zu gut etwas unter deiner Würde zu machen. Du verdienst kein Geld! Du bist von mir abhängig. Ich muss für dein Unvermögen grade stehen. Malu Dreyer kann es auch. Orientier dich doch an der! Dir fehlt nichts, warum stellst du dich so an!?!“…


Die Spirale gen Boden - und noch viel tiefer – beginnt sich wieder einmal zu drehen.

Wer kennt ihn nicht, den Sumpf der Selbstzweifel, den Treibsand der Ungerechtigkeit, den Nebel der Unsicherheit, den Tunnel der kein Licht am Ende hat?

Ich kenne sie alle.


Manchmal kommen sie alleine, manchmal ein paar davon und an manchen Tagen sind sie alle da und es bleibt am Ende nichts weiter zu sagen als „Ich hasse mein Leben!“.


Recipe for Disaster…

Selbst nach vielen Jahren mit MS gibt es bei mir immer noch diese Tage. Ich vermute, dass es den meisten Menschen mit und ohne MS hin und wieder genauso geht. Vielleicht dem einen mehr, dem anderen weniger. Vielleicht häufiger, vielleicht seltener. Aber dennoch denke ich, dass uns alle ab und an die Spirale Richtung Boden führt.

Ich bin kein Psychologe und kann es daher nicht einordnen, aber für mich führe ich viele dieser Episoden auf meine MS Diagnose zurück. In den ersten Jahren nach dem „Erstkontakt“ dominierte bei mir der „Treibsand der Ungerechtigkeit“ und das fehlende Licht am Ende des Tunnels. Heute beschäftigen mich mehr Selbstzweifel und mein Unvermögen mich langfristig einzuordnen oder zu planen, weil ich einfach nicht weiß, wie es mir in ein paar Jahren geht.

Schauen wir uns doch mal die einzelnen Bereiche genauer an. Schließlich muss man seinen Feind kennen, um mit ihm umgehen zu können.


„Treibsand der Ungerechtigkeit“

„Warum ich? Warum nicht der? Was habe ich falsch gemacht, dass es mich trifft und nicht die anderen? Warum ist es bei mir so schlimm?“…

Es sind genau diese Themen, die die Frage nach Gerechtigkeit befeuern. Wir empfinden es möglicherweise als ungerecht, dass genau wir dieses Damokles-Schwert MS über uns haben und nicht etwa derjenige, der sein Leben lang geraucht hat, Drogen nahm, von McDonalds und Cola lebt und sich nicht von der Couch wegbewegt. Oder derjenige, der ein kriminelles Leben führt oder gar andere missbraucht. Hätte es nicht der deutlich mehr verdient?


An dieser Stelle muss man sich zunächst fragen, was „Ungerechtigkeit“ eigentlich ist und ob es so etwas wie eine Gerechtigkeit bei Krankheiten geben kann.

Wie man aus der Übersetzung von Gerechtigkeit, nämlich justice im Englischen und Französischen und iustitia im lateinischen schon sehen kann, bezieht sich der Begriff ziemlich klar auf die Beurteilung menschlichen Verhaltens, und zwar im Verhältnis untereinander. Damit ein Verhalten als gerecht gilt soll Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden.


Nun ist die Entstehung von Krankheit aber kein Resultat von menschlicher Interaktion, die es zu bewerten gilt. Entsprechend kann man eigentlich hier rein philosophisch nicht von Ungerechtigkeit sprechen. Wenn überhaupt, kann Krankheit ein mögliches Resultat des eigenen Verhaltens sein.


So kann ich für mich den Schluss ziehen, dass ich an meinem Verhalten etwas ändern muss oder soll um mich

- zum einen von diesem destruktiven Gedanken zu lösen und

- zum anderen mein Verhalten zu verbessern, um die Entstehung von Krankheit bzw. deren Verlauf zu beeinflussen.


Und genau das tue ich! Ich versuche in solchen Momenten mein Gedankengut positiv zu beeinflussen. Ganz aktiv versuche ich mich aus der Situation rauszunehmen und einfach nicht hinzunehmen, dass meine Krankheit ungerecht sein könnte. Sie ist es nämlich nicht. Ich hatte einfach Pech. Die Lotterie des Lebens hat in diesem Fall einfach ein schwereres Los für mich gehabt.


Und mit dieser Situation gilt es jetzt bestmöglich umzugehen!

Mein Leben besteht schließlich nicht ausschließlich aus der MS. Es gibt so vieles anderes, schönes und positives.


Unvermögen langfristig zu planen – die böse Unsicherheit

Der nächste schwarze Reiter ist das Gefühl nicht zu wissen, was in ein paar Jahren ist. Werde ich noch arbeiten können? Werde ich überhaupt noch laufen können? Kann ich Sport treiben? Kann ich vielleicht Morgen schon meinen linken Arm nicht mehr bewegen, wie es schon einmal war. Kann ich eventuell in zwei Wochen nichts mehr schmecken oder zuckt den ganzen Tag mein Bein?


All diese Sorgen und Ängste machen mich an diesen Tagen schier verrückt. Vor allem aber führen sie dazu, dass ich ein Unvermögen entwickelt habe, langfristig zu planen. Ich kann einfach keinen Plan, auch nicht gedanklich, für mich aufstellen, wo ich mich in ein paar Jahren sehe. Mache ich Karriere als Schriftstellerin, bin ich wieder am Studieren, will ich mich ausschließlich um meine Kinder kümmern? Ich weis es nicht und kann es einfach nicht sagen.


Was also tun?

Eine sehr weise Frau – ich geb´s zu, meine Therapeutin - meinte mal „Sterben müssen wir alle. Aus, Schluss, basta. Es ist allerdings unsere Entscheidung was wir bis dahin tun!“. Und in diesem Credo, versuche ich das beste zu tun, was ich für den Moment kann und versuche verschiedene Schienen zu fahren. Für die kurzfristige Ebene, also auch den Moment, versuche ich immer wieder mich gezielt in positives Denken zu bringen. Zum Beispiel gehe ich gerne raus und setze mich aufs Rad. Eine super Ablenkung für mich ist auch einfach doofe Komödien anschauen. Mal ehrlich, wer kann schon 2h Hang Over, Borat oder Monty Python ohne Lachen aushalten… :D


Für die mittlere Ebene verfolge ich immer Projekte, in denen ich mich weiterbilden kann und ein Ziel vor Augen habe. Was heißt das konkret?

Ganz einfach, ich mache eine Weiterbildung nach der anderen oder verfolge ein konkretes Projekt, was ich im Zeitraum X, der vielleicht ein paar Monate oder ein Jahr lang ist, abschließen kann. Das gibt mir ein konkretes Ziel und eine Beschäftigung.


Die letzten Jahre habe ich mich durch Online-Kurse bei verschiedenen Unis geistig fit und beschäftigt gehalten. Das waren teilweise kostenlose Kurse, teilweise bezahlte. Darunter eine Weiterbildung in Ernährungswissenschaften über mehrere Monate in Stanford, einen kurzen Kurs in Harvard zur Frage, wie die optimale Ernährung aussieht, einen Trading-Kurs über knapp ein Jahr in London… Derzeit mache ich einen kostenlosen Kurs in Yale, den ich wirklich nur empfehlen kann! Es geht um die Frage, was die Wissenschaft sagt, wie man Wohlbefinden und Glück in seinem Leben erreichen kann. Großartig!! Wenn man des Englischen mächtig ist, meine absolute Empfehlung!


Und das Beste daran, man schlägt gleich 2 Fliegen mit einer Klatsche! Man hat ein Ziel, ist beschäftigt UND lernt noch darüber, was man tun sollte, damit es einem besser geht. Die Links schreib ich alle unten hin.


Jetzt bleibt allerdings noch die Frage nach einer langfristigen Perspektive und dem Umgang mit der Unsicherheit auf dieser Ebene.

Das ist schwierig, zumindest für mich. Ich hangle mich mit meinen mittelfristigen Projekten immer weiter durch und meine Zukunft reift. Seit Jahren versuche ich gedanklich zu greifen, wie genau meine Zukunft aussehen könnte, und wie ich sie gestalten möchte, so dass es für mich gut ist und zu mir passt. Die Ideen gären so vor sich hin und alle meine Projekte, z.B. die Ernährungswissenschaften, mein BWL-Hintergrund etc. fügen sich alle als einzelne Puzzleteile in ein Ganzes zusammen.


Ganz konkret habe ich aufgehört zu überlegen, wo ich in 10 Jahren sein werde. Ich denke jetzt in kürzeren Phasen und arbeite mich daran ab.


Selbstzweifel

Noch ein ganz böser schwarzer Reiter! Die Selbstzweifel. Das Gefühl für nichts gut zu sein, das Gefühl nur noch zu versagen.


Warum schafft es Malu Dreyer Ministerpräsidentin zu sein und ich kann mich nicht länger als ein paar Stunden konzentrieren oder werde erdrückt von psychischen Belastungen? Warum kann ich nicht sein wie sie? Warum sind alle meine ehemaligen Kollegen mittlerweile beruflich tausendmal erfolgreicher als ich und ich bin in deren Augen eine Versagerin? Warum nur konnte ich aus den besten Voraussetzungen nichts Besseres machen als zu Hause zu sitzen und meine Kinder zu hüten?


FALSCH!!! STOP! DAS IST DESTRUKTIV UND FÜHRT ZU NICHTS!

Ich habe es TROTZ meiner Diagnose, TROTZ meiner Schübe, TROTZ meiner psychischen Belastungen, TROTZ … geschafft meine Studien abzuschließen, meine Vorlesungen zu geben, 3 großartige gesunde und ausgeglichene Kinder zu haben und ein Buch zu schreiben.


Genau so versuche ich mich aus dieser Spirale zu befreien, wenn sie wiedereinsetzt. Nicht jeder hat die Kraft und das Können Ministerpräsidentin zu werden, nicht jeder hat die gleiche MS, nicht jeder will und kann Karriere machen, nicht jeder kann einen Iron Man schaffen, selbst wenn er noch so hart trainiert. Und das ist auch in Ordnung so. Punkt.

Ich bin ich, habe meine MS und meinen Körper. Für mich und meine Möglichkeiten, habe ich bereits wirklich viel erreicht und ich kann eigentlich stolz darauf sein.


Der dunkle Tunnel - Wo ist der Lichtschalter?!?

Dann bleibt eigentlich nur noch ein harter Gegner. Der Endgegner, der böseste Reiter von allen, die Dunkelheit, die Verzweiflung, die einen das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr sehen lässt.


Das Gefühl, es wird nie besser werden, es ist alles vorbei…


Ich persönlich kann hier wirklich nur zwei Sachen sagen, die mir in diesen Situationen geholfen haben.


Zum einen das Wissen, dass es so viel Schönes und Tolles in unserem Leben gibt. Auch wenn es nur im Moment vielleicht nicht sichtbar ist, heißt es nicht, dass es nicht da ist. Familie, Freunde, ein spannendes Buch, ein Tag im Garten, einen Eiskaffee in der Sonne…


Zum anderen ganz klar professionelle Hilfe. Seit ich meine Diagnose spreche ich regelmäßig, mal seltener, mal häufiger mit meiner Therapeutin über meine Sorgen und Nöte.


Mit einem gebrochenen Arm oder Halsschmerzen gehe ich zum Arzt, warum sollte ich nicht mit meinen Ängsten auch einfach zum Therapeuten gehen? Es gibt nichts, wofür man sich schämen müsste. Ich bin sehr dankbar!


Was bleibt?

Wir alle, ob mit oder ohne MS, haben hin und wieder Zweifel, Unsicherheiten, Ängste oder Nöte. Gerade aber eine Diagnose wie MS kann dies natürlich verstärken und bringt uns sicher nicht nur einmal an unsere Grenzen.


Natürlich ist jeder anders und jeder verarbeitet seine Krankheit anders, aber für alle gilt das Gleiche: Es ist vollkommen normal mit seiner Krankheit zu hadern, es ist absolut in Ordnung ab und an einfach genug zu haben!


Bitte zögere nicht, dir auch professionelle Hilfe zu holen! Es gibt nichts wofür man sich schämen müsste! Und ganz ehrlich, für mich war und ist Psychotherapie extrem wichtig und mehr als nur hilfreich. Einfach dran denken: Mit Schmerzen im Rücken geht man zum Arzt. Warum sollte es etwas anderes sein, wenn die Seele schmerzt? Auch dafür gibt’s Experten.


Ich hoffe sehr euch geht es allen gut! Lasst euch nicht unterkriegen und Kopf hoch!


Liebe Grüße,

Claudia


P.S.:

· „The Science of Well-Being” der Yale University

o https://www.coursera.org/learn/the-science-of-well-being

Kostenfreie Online Kurse von Harvard, Stanford, Yale. Einfach mal googeln, es gibt wirklich so vieles. Bestimmt auch auf Deutsch. Und ganz klar, gerade für die kostenfreien braucht man fast nie Voraussetzungen erfüllen, also ein Studium o.ä.

o https://online-learning.harvard.edu/catalog/free

o https://online.stanford.edu/free-courses

o https://oyc.yale.edu/


Daneben gibt es natürlich tausende Kurse, bei denen man ein Zertifikat erwerben kann. Da braucht es dann entsprechend viel mehr Arbeit und diese kosten auch Geld. Am besten mal schauen bei:

o https://www.getsmarter.com/

oder einfach bei verschiedenen Unis. Hier braucht man entsprechend nach Fach, Zertifikat etc. die passenden Voraussetzungen/ Vorkenntnisse.

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